Ein großartiges Konzert in der Kirche Dörnhagen

Zum Abschluss des Lutherjahres hat der Heimat- und Geschichtsverein Fuldabrück ein über alle Maßen gelungenes Konzert in der Kirche Dörnhagen veranstaltet. Eingeladen war das Ehepaar Renate und Roland Häusler aus Guxhagen, beide ehemalige Musiklehrer und in der Singer - Songwriter - Szene seit Jahren bekannt, das unter dem Motto „Der Unterthan, das ist ein Tropf...“ (aus einer Liedzeile von Ludwig Pfau,) einen Liederabend mit einer Auswahl kritischer Volkslieder aus den letzten 500 Jahren präsentierte.
In der fast vollen Kirche trugen  die beiden Musiker 19 bekannte und weniger bekannte Volkslieder, die im Kern die Sorgen und Nöte der einfachen Menschen, des sog. „kleinen Mannes“, Kritik am Militär, am Obrigkeitsstaat und Ausbeutertum, Armut und Hoffnungslosigkeit, Liebe und Verlassenheit und Kirche und Staat beschreiben, vor.
Die beiden ersten Lieder „Woll´n singen von den Bauren“ und „Es geht eine dunkle Wolk´ herein“ sind während des Bauernkriegs im 16. Jahrhundert bzw. des 30-jährigen Krieges entstanden, Die meisten Verfasser dieser oft auf gedruckten Flugschriften veröffentlichten Lieder sind unbekannt geblieben,  einige der Lieder sind zwischenzeitlich sogar in Vergessenheit geraten, tauchten aber in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im „Altdeutschen Liederbuch“ und im „Deutschen Liederhort“ wieder auf. Renate und Roland Häusler gelang es vorzüglich, die Ängste, Nöte und Sehnsüchte der Menschen in den letzten Jahrhunderten zu benennen und die Zuhörer immer wieder zu überraschen. Wer wusste schon, dass das als Kinderlied bekannte Volkslied „Auf einem Baum ein Kuckuck saß“ im Grunde ein hochpolitisches Lied ist, das in dem Symbol des Kuckucks die Freiheit und den Widerstand und im „Jäger“ den absolutistischen Herrscher verkörpert? Zahlreiche Lieder an diesem Abend stammten aus dem 19. Jahrhundert, Lieder, die das Vermieten von Soldaten, die sog. Subsidien – Verträge, beschreiben, Lieder, die den deutschen Michel, das Symbol der Biedermeierzeit, auf die Schippe nehmen oder den preußischen Militarismus und das Soldatentum an den Pranger stellen. Als dann der um 1780 erstmals auf Flugblättern veröffentlichte Text „Die Gedanken sind frei“ gesungen wurde, hatten auch die Zuhörer Gelegenheit zum Mitsingen. Lieder des sog. Vormärz von Georg Herwegh und Lieder aus der Zeit der Weberaufstände bildeten den Mittelteil dieses fesselnden Liederabends.
Mit der beginnenden Industrialisierung und der Entstehung des Proletariats und der damit einhergehenden Gründung der Arbeiterbewegung entstanden neue Lieder, die aber in gleichem Maße die Not der Menschen, wie sie schon Jahrhunderte vorher geherrscht hatte, aufgreifen. Besonders beeindruckend an diesem Abend Georg Herweghs erstes Lied der politisch organisierten deutschen Arbeiterbewegung, das er für den 1863 gegründeten deutschen Arbeiterverein geschrieben hat:“Bet´und arbeit´ ruft die Welt“.
Mehrere Lieder nach Texten von Erich Kästner („Kennst du das Land, wo die Kanonen blüh´n?“ und von unbekannten Verfassern( „Mein Michel, was willst du noch mehr?“) beschreiben in scharfer Polemik das deutsche Kaiserreich und den verlorenen Ersten Weltkrieg. In vielen Liedern des Abends zog sich das absolutistisch preußische und spätere Obrigkeitswesen wie ein roter Faden durch die Liedtexte.(„Die Kinder kommen dort mit kleinen Sporen und mit gezogenem Scheitel zur Welt. Dort wird man nicht als Zivilist geboren. Dort wird befördert, wer die Schnauze hält.“) Viele der von den Zuhörern stark beklatschten Lieder haben an Aktualität nichts verloren, seien es die „Ordenssehnsucht“, die Heinrich Hoffmann von Fallersleben schon beschrieben hat oder das Lied von den Bots aus dem Jahre 1981, wo es heißt:“Wer schweigt, stimmt zu.“
Passen zum Weihnachtsmonat Dezember erklang als letztes Lied Kästners „Weihnachtslied, chemisch gereinigt“ von 1928, ein Lied das den Gegensatz von Arm und Reich nicht besser hätte beschreiben können.
Der Hausherr der Dörnhagener Kirche, Pfarrer Jan-Daniel Setzer, begrüßte zu Beginn alle Anwesenden und ging in seiner Ansprache auf die Aktualität von Luthers Schrift „Freiheit eines Christenmenschen“ in heutiger Zeit ein. Der Vorsitzende des Heimat- und Geschichtsvereins, Rolf Mell, dankte allen Beteiligten, auch den zahlreichen Helfern, die u.a. auch für die anschließende Bewirtung mit Glühwein und -Weihnachtsgebäck in der Kirche sorgten, ganz herzlich.
Die eingenommenen Spendengelder (der Eintritt war frei) gehen zu gleichen Teilen an die evangelische Kirchengemeinde und den Verein „Kasseler Hospital – Hospizdienst am Palliativzentrum Nordhessen e.V.“
Langanhaltender Beifall und viele interessante Gespräche nach dem Konzert zeugten von der großen Begeisterung der Zuhörer.


Hier einige Bilder